„Ich bin halt so!?“ – Wie Sie aus Selbstschutz Selbstentwicklung machen

Wie Sie aus Selbstschutz Selbstentwicklung machen | NADJA HENRICH

„Ich bin halt so.“ Diesen kurzen Satz haben wir vermutlich alle schon einmal gehört und vielleicht auch selbst gesagt. Im privaten Umfeld klingt er nach Harmoniebedürfnis und Selbstakzeptanz. In der Führung jedoch taucht er in anderen Momenten auf: wenn Verhalten hinterfragt wird bzw. wenn wir von anderen Menschen Feedback bekommen. Der Satz dient uns dann als situative Begründung, denn er schützt. Er stabilisiert das Selbstbild. Er verhindert inneren Reibungsverlust. Gleichzeitig verhindert er, dass wir uns in diesem Moment selbst reflektieren. Denn Selbstentwicklung beginnt dort, wo die Selbstrechtfertigung endet und die Bereitschaft wächst, das eigene Denken und Handeln ehrlich zu prüfen. In diesem Beitrag möchte ich Fach- und Führungskräfte in Veränderungsprozessen ansprechen, die sich neue Handlungsräume eröffnen und mehr Wirkung entfalten möchten.

Lesedauer: 4 Minuten

Versteckter Mechanismus: Selbstschutz statt bewusste Steuerung

Hinter dem eingangs erwähnten Satz „Ich bin halt so“ steckt selten eine bewusste Entscheidung oder gar Steuerung. Vielmehr verbirgt sich dahinter ein psychologischer Schutzmechanismus. Denn wenn Verhalten kritisiert wird, gerät das Selbstbild unter Druck. Man möchte beispielsweise als konsequent, integer, verlässlich wahrgenommen werden. Deshalb springt die innere Abwehr an:

  • „Ich bin eben direkt.“
  • „Das war schon immer meine Art.“
  • „Auch wenn dir meine Art nicht passt, ich mache das Richtige.“

Solche Sätze sind in hohem Maße effizient, denn sie schließen die Debatte. Das hilft, unangenehme Emotionen wie Verlegenheit (Selbstzweifel, innerer Druck) oder Unsicherheit zu regulieren. Doch der Preis ist hoch, denn Abwehr verhindert innere Offenheit. Und ohne innere Offenheit bleibt Verhalten, wie es ist. Eine Selbstentwicklung findet damit nicht statt.

Die gute Nachricht ist: Sie können sich diesen Abwehrmechanismus bewusst machen. Zentral ist dabei die Frage, wozu Ihnen diese Haltung dient. Als Schutz vor Kontrollverlust? Zur Wahrung Ihrer Autorität? Zur Vermeidung von zu viel Nähe? Bewusstheit wiederum schafft Wahlfreiheit, nämlich zwischen der Haltung „So reagiere ich immer“ und „So agiere ich heute“.

 

Selbstschutz vs. Selbstentwicklung: ein bestenfalls ausbalanciertes Spannungsfeld

In meiner Coaching-Praxis zeigt sich mir immer wieder, dass sich Menschen auch dadurch weiterentwickeln, indem sie lernen, eigene Blockade-Haltungen zu lockern. Dabei ist eine Erkenntnis ganz entscheidend: Selbstschutz und Selbstentwicklung sind keine Gegenspieler, sondern miteinander verbundene Pole in einem Spannungsfeld: Selbstschutz stabilisiert Identität; Entwicklung erweitert sie.

Die Kunst besteht also darin, situativ zu entscheiden, welcher Pol für mich hilfreicher bzw. nützlicher ist. Doch beide Wege sollten grundsätzlich erreichbar sein, um das Spannungsfeld in Balance zu halten.

Eine einfache Handlungsformel kann sein:

  • Verstehen (kognitive Fragestellung) – Was genau passiert bei mir?
  • Ertragen (emotionale Fragestellung) – Kann ich das Unangenehme aushalten, ohne abzuwerten?
  • Verändern (praktische Fragestellung) – Welche kleine, konkrete Verhaltensalternative probiere ich heute?

Diese öffnenden Fragen können das eher abstrakte Spannungsfeld praxistauglich übersetzen. Sie sind ein Schritt weg vom reflexhaften „So bin ich“ und hin zum bewussten „So will ich sein“.

 

Authentizität im Business: Echtheit ohne Ausreden

Wir alle wollen authentisch sein, oder nicht? Authentizität ist ein hoher Wert. Doch gleichzeitig wird kaum ein Begriff so missverstanden. Echtheit bedeutet nämlich nicht, unverändert zu bleiben, sondern vielmehr stimmig zu handeln, d. h. im Einklang mit sich selbst und dem Kontext.

Auch dafür muss man in der Lage sein, mit Spannungsfeldern umzugehen. Das zeigen folgende drei Beobachtungen:

Direktheit vs. Wirkung – Direkt zu sein kann angebracht sein. Doch sie kann einschränkend oder gar verletzend sein. Die Frage lautet nicht: „Darf ich direkt sein?“, sie lautet: „Welche Intention verfolge ich und wie kann ich meine Botschaft senden, ohne die Beziehung zum Gegenüber zu schädigen?“

Ergebnisorientierung vs. Beziehung – Ergebnisorientierung ist zentral. Sie verliert jedoch an Kraft, wenn die Beziehungsebene ausgeblendet wird. In Teams entsteht Leistung, wenn sich Mitarbeitende sicher genug fühlen, um offen zu sprechen. Beziehung erhöht also die Ergebnisqualität und reduziert sie nicht.

Klarheit vs. Härte – Klarheit ist eine Führungstugend, die häufig mit Härte verwechselt wird. Klar zu sein, bedeutet aber nicht automatisch, Härte auszustrahlen. Sie gibt Sicherheit und stärkt das Miteinander (siehe hierzu auch den Beitrag Emotionale Führungsstärke).

Authentisch zu handeln heißt, situativ zu gestalten. Wer nur „so ist, wie er ist“, verengt seinen Spielraum. Wer dagegen weiß, wie er wirken kann, erweitert ihn.

 

Weg vom „Ich bin halt so!“: Praxistipps für Mikroveränderungen

Aller Anfang ist schwer. Das gilt vor allem bei Veränderungen. Vielleicht fallen sie uns deshalb so schwer. Doch wie schon der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg treffend zu sagen wusste:

„Es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

Die entscheidende Frage dahinter ist: Wie kann es anders werden? Wie gelingt es uns also, Veränderungsprozesse herbeizuführen. Dazu gebe ich Ihnen gerne praktische Impulse mit:

1. Selbstbeobachtung statt Selbstbewertung – Es ist eine Kunst für sich, eigenes Verhalten zu beobachten, es bewusst zu registrieren und dabei nicht zu verurteilen. Das schafft Abstand zwischen Reiz und Reaktion.

Praxisidee:

Führen Sie für zwei Wochen lang ein kurzes Wirkungstagebuch. Nach wichtigen Interaktionen (Meeting, Feedbackgespräch, E-Mail-Austausch) können Sie sich Notizen zu folgenden Aspekten machen:

  • „Was habe ich intendiert?“
  • „Was ist angekommen?“
  • „Was lerne ich fürs nächste Mal?“

Diese Mini-Routine schärft die Wahrnehmung und reduziert die Neigung zur Rechtfertigung.

2. Feedback einholen und verwerten – Nicht jedes Feedback ist gleich wertvoll. Doch gerade das, was Sie irritiert, ist spannend. Denn es zeigt oftmals blinde Flecken in der eigenen Wahrnehmung.

Praxisidee:

Vereinbaren Sie mit zwei bis drei verlässlichen Personen einen Feedback-Kontrakt: und holen Sie kurze, konkrete Rückmeldungen zu Ihrer Wirkung auf andere ab:

  • „Wie klar war die Botschaft?“
  • „Wie anschlussfähig war der Ton?“

3. Wöchentliche Reflexion – In meinen Coachings setze ich diese Methode ein, damit meine Klient:innen regelmäßig an und mit sich arbeiten. Sie umfasst in der Regel 8–10 Fragen und ist auf die jeweilige Situation und Persönlichkeit des Coachees ausgerichtet. Die wöchentliche Reflexion fördert die Selbstentwicklung und das innere Wachstum. Zudem soll der Coachee mehr das Positive in den Blick nehmen, was im Alltag vielfach verloren geht. Zu gerne stürzen wir uns erst auf das Negative und blenden das Positive aus (siehe hierzu auch den Beitrag Selbstreflexion im Beruf).

Typische Reflexionsfelder könnten hier sein:

  • „Wo habe ich mich verteidigt, statt zu verstehen?“
  • „Welche Intention hatte ich, und welche Wirkung erzielte ich?“
  • „Welche Entscheidung habe ich verschoben, weil sie unbequem war?“
  • „Was habe ich bewusst anders gemacht und was war der Effekt?“
  • „Wo zeigte sich mein Wert „Respekt“ konkret in Sprache oder Handlung?“

Die wöchentliche Reflexion wirkt wie ein Rhythmusgeber: Sie sorgt dafür, dass die Selbstentwicklung im eigenen Tempo in Bewegung bleibt.

4. Standortbestimmung mit profilingvalues – Für eine zielgerichtete Entwicklung ist ganz entscheidend, dass Sie Ihren aktuellen Standpunkt kennen. Hier nutze ich im Rahmen meiner Coachings unterstützend die wertebasierte Potenzialanalyse profilingvalues. Sie macht individuelle Fähigkeiten, Stärken, Limitierungen und Entwicklungspotenziale sichtbar. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind eine gute Grundlage zur Selbstreflexion und dafür, Ansatzpunkte zur weiteren Selbstentwicklung zu finden (siehe hierzu den Beitrag Fundierte Standortbestimmung mit profilingvalues).

 

Fazit: Schluss mit Ausreden, lieber wirksam werden!

„Ich bin halt so“ klingt nach Frieden mit sich selbst. In der Realität bedeutet es zumindest im Business-Kontext häufig nichts anderes als Stillstand. Selbstentwicklung setzt schließlich voraus, dass wir unsere innere Haltung und unser Verhalten nicht als etwas Feststehendes betrachten. Sie sind veränderbar.

Wenn es Ihnen gelingt, innere Ausreden zu überwinden, können Sie mindestens drei wichtige Eigenschaften gewinnen bzw. ausbauen:

  • Klarheit
  • Glaubwürdigkeit
  • Gestaltungsraum

Diese Eigenschaften sind eine Grundvoraussetzung für Authentizität und für Wirksamkeit. Und damit für zwei Attribute, die sich Führungskräfte und wohl auch Fachexpert:innen wünschen und die sie verkörpern möchten.

Ich bin überzeugt davon: Haltung ist gestaltbar und Selbstentwicklung eine bewusste Entscheidung. Statt „Ich bin halt so“ können Sie beispielsweise jederzeit sagen: „Ich baue auf meine Stärken und bleibe in Entwicklung.“ Denn nur wer sich verändert, entwickelt sich weiter. Und wenn Sie sich dabei Unterstützung wünschen, dann …