Wer führt, entscheidet. Oft allein.
Wer in höheren Positionen Verantwortung trägt, berichtet in Studien häufiger von Isolationserfahrungen als andere Beschäftigtengruppen. Mit jeder Stufe nach oben schrumpft der Kreis derer, die die Komplexität wirklich nachvollziehen können.
Montag, 7:30 Uhr. Ein Geschäftsführer sitzt im Büro. Vor ihm eine Personalentscheidung, die seit Wochen drückt. Ein langjähriger Bereichsleiter, geschätzt im Team, aber der Bereich stagniert seit Monaten. Die Fakten sind eindeutig. Das Gespräch steht bevor. Aber mit wem bespricht er vorher, was ihn dabei wirklich beschäftigt?
Nicht mit dem Führungsteam – dort ist jeder selbst betroffen.
Nicht mit HR – dort entstehen sofort Prozesse.
Nicht zu Hause – weil er niemandem diese Last aufbürden will.
Also durchdenkt er es allein. Wie so oft.
Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Muster. Befragungen zeigen, dass ein erheblicher Teil von Führungskräften in ihrer Rolle Einsamkeit erlebt. Je höher die Verantwortung, desto ausgeprägter. Nicht weil diese Menschen menschenscheu wären. Die Rolle selbst erzeugt eine Distanz, die sich kaum steuern lässt.
Was dabei oft übersehen wird: Einsamkeit in Entscheidungssituationen ist kein reines Befindlichkeitsthema. Forschung zeigt, dass anhaltende Einsamkeit mit Stress, geringerer kognitiver Leistungsfähigkeit und eingeschränkter Entscheidungsqualität verbunden sein kann. Wer dauerhaft nur mit sich selbst entscheidet, wird nicht klarer. Eher enger.
Der Reflex vieler: noch mehr durchdenken, noch sorgfältiger abwägen, noch weniger nach außen tragen. Das klingt nach Professionalität. Tatsächlich verstärkt genau das die Isolation.
Was dagegen hilft und den Kreislauf durchbricht: ein Raum, in dem sich Gedanken sortieren lassen. Ohne Rücksicht auf interne Dynamiken, ohne Nebenwirkungen, ohne die Sorge, wie es ankommt. Ein vertrauliches Gegenüber, das unabhängig mitdenkt, die richtigen Fragen stellt und Perspektiven sichtbar macht, die im eigenen Kopf keinen Platz finden.
Keine Schwäche. Eine bewusste Form der Selbstführung.
Welche Entscheidung tragen Sie gerade mit sich, die eigentlich ein Gegenüber bräuchte?
