Im richtigen Tempo führen – Wie Sie vorangehen, ohne das Team zu verlieren

Im richtigen Tempo führen | NADJA HENRICH

Viele Führungskräfte folgen einem sehr beliebten, inneren Mantra: „Tempo zeigt Wirkung.“ Das ist nachvollziehbar, denn wir leben in Zeiten, in denen Veränderungen in immer kürzerer Abfolge eintreten und zur Daueraufgabe werden (siehe VUKA-Welt und BANI-Welt). Geschwindigkeit wird dadurch zum vermeintlichen Beweis für Tatkraft, Kompetenz und Führungsstärke. Doch das, was nach außen entschlossen wirkt, kann intern Schaden anrichten. Frei nach dem Motto: „Wer zu schnell geht, verliert die anderen. Wer zu langsam ist, verliert sich selbst.“ In diesem Beitrag lade ich Sie ein, Ihre eigene Führungsgeschwindigkeit zu hinterfragen und zeige Wege auf, wie Sie im richtigen Tempo führen, um Ihr Team dauerhaft mitzunehmen.

Lesedauer: 4 Minuten

Es ist bekanntlich ratsam, eine Geschwindigkeit zu wählen, die zum gewünschten Ergebnis (auch in der gewünschten Qualität) führt. Schnell ist also nicht automatisch gleich gut. Das gilt auch für die Führungsarbeit.

Führung entfaltet Wirkung nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch Synchronisation. Wer immer nur beschleunigt, erzeugt Gegendruck. Wer ohne Umsicht bremst, verliert den Anschluss zu den anderen. Und wer nur sein eigenes Tempo kennt, wird selten mitgenommen. Übertragen auf Führung bedeutet das, dass vorauszugehen allein nicht ausreicht. Vielmehr geht es darum wahrzunehmen, wer überhaupt folgen kann und will. Denn Führung ist kein Wert an sich. Sie ist ein Ausdruck von Haltung, Beziehung und Kontextverständnis (siehe auch Die innere Haltung und ihr Einfluss auf soziale Beziehungen).

 

Im richtigen Tempo führen: Alles eine Frage des passenden Rhythmus

Innerhalb von Organisationen herrscht ein bestimmter Takt vor, den man nicht in wirtschaftlichen Kennzahlen messen kann. Er ist hoch individuell und äußert sich in Stimmungen, Ritualen und bestimmten Handlungsabläufen. Manche Teams sind dynamisch, impulsiv, neugierig. Andere bewegen sich vorsichtig, vorausschauend, in vertrautem Rahmen. Und dazwischen befinden sich Führungskräfte.

Eine wichtige Erkenntnis dabei ist, dass sie den Takt nicht allein vorgeben, sondern sich ebenfalls dazu bewegen müssen. Doch Führungskräfte sind dafür verantwortlich, den passenden Rhythmus für sich und ihr Team zu finden. In ihrer Hand liegt die „Energieverantwortung“. Je nach Signal, wird dieser Rhythmus gefördert oder gestört.

Solche Signale können z. B. sein:

  • „Ich vertraue euch.“
  • „Ich bin ungeduldig.“
  • „Ich weiß, wo wir hinwollen.“
  • „Ich habe Angst, nicht zu liefern.“

Um im Bild zu bleiben: Führung ist Beziehung in Bewegung. Der Rhythmus Ihrer Führung entscheidet darüber, ob Ihre Mitarbeitenden sich eingeladen oder überholt fühlen. Wenn Sie das Tempo diktieren, ohne die Anschlussfähigkeit zu prüfen, schaffen Sie Distanz und laufen Gefahr, Ihr Team zu verlieren.

Reflexionsfragen:

  • Kennen Sie den natürlichen Takt Ihres Teams?
  • Passt dieser zum Druck, der auf Ihrer To-do-Liste lastet?

Die Schere zwischen Zu-viel-antreiben und Unsichtbar-werden

Es gibt zwei Haltungen, die Führung wirkungslos machen. Und beide haben mit Tempo zu tun, aber aus entgegengesetzten Gründen:

Zu viel antreiben – Führungskräfte, die das tun sind schnell. Zu schnell. Veränderungen werden zügig angestoßen, Entscheidungen im Alleingang getroffen, neue Strukturen zügig umgesetzt. Diese Führungskraft will Wirkung, und zwar sofort. Was bleibt auf der Strecke? Vertrauen, Anschluss und Leistungsbereitschaft.

Typische Anzeichen:

  • Sätze wie: „Ich kann nicht warten, bis alle so weit sind.“
  • Projekte, die starten, aber nie landen
  • Ein Team, das zunehmend passiv wird – oder offen blockiert

Unsichtbar werden – Manche Führungskräfte beobachten, analysieren, warten und beginnen wieder von vorn. Sie möchten die Lage verstehen. Entscheidungen werden deshalb vertagt, Initiativen verschoben, Diskussionen erneut geöffnet. Diese Art von Führungskraft wünscht sich Sicherheit, bevor sie vorangeht. Sie will es perfekt machen. Was bleibt auf der Strecke? Klarheit, Energie und Mut.

Typische Anzeichen:

  • Sätze wie: „Ich will niemanden überfahren.“
  • Eine Organisation, die auf Signale wartet – und sie nicht bekommt
  • Mitarbeitende, die die Führung übernehmen – weil sonst niemand führt

Diese dargestellten Extreme werden Ihnen als Führungskraft vermutlich bekannt vorkommen. Denn es handelt sich um Pole, die in der Führungsarbeit auftauchen können. Der Schlüssel zu einer guten Führung liegt nicht im Mittelmaß, sondern in der bewussten Steuerung der Führungsgeschwindigkeit. Mal ist es sinnvoll anzutreiben, mal sich zurückzunehmen. Nur eben situativ und nicht zu viel.

 

Aus der Praxis: Wenn das Tempo gute Absicht überrollt

Ich begleitete vor einiger Zeit eine Führungskraft, die als neuer Abteilungsleiter in ein mittelständisches Unternehmen wechselte. Dort traf sie auf eine traditionsbewusste, loyale, wenig beweglich Organisation. Die Führungskraft selbst strotzte nur so vor Elan und der Bereitschaft, neue Methoden einzubringen, um die Ziele zu erreichen. Bereits in den ersten Wochen startete sie Digitalisierungsinitiativen, kürzte Meetings, führte neue KPIs ein und kündigte diverse strukturelle Veränderungen an.

Leider stellte sie schnell fest, dass ihre Mitarbeitenden sich zurückzogen oder zunehmend deutlich Bedenken äußerten. Informelle Netzwerke blockierten die Umsetzungen, das Vertrauen begann zu schwinden.

Was war passiert? Die Ideen der Führungskraft waren nicht schlecht, sie kamen zu schnell, waren fremd und ungewohnt. Was hier fehlte, war nicht Kompetenz, es war Anschlussfähigkeit. Führen mit der richtigen Geschwindigkeit bedeutet, auch Momente des des Zuhörens und Einpendelns zu berücksichtigen. Das gilt ganz besonders dann, wenn Führungskräfte neu in eine Organisation kommen.

 

Hohe Geschwindigkeit: Ein Ausdruck innerer Überzeugungen

Warum handeln manche Führungskräfte zu schnell und andere zu zögerlich? Meiner Erfahrung nach deshalb, weil sie unbewusst inneren Mustern folgen, die sich im Laufe ihres Lebens gebildet haben.

Beispiele für solche inneren Glaubenssätze sind etwa:

  • „Ich muss sofort liefern, sonst verliere ich an Respekt.“
  • „Ich darf keine Fehler machen.“
  • „Ich werde nur gehört, wenn ich stark auftrete.“
  • „Ich will es allen recht machen.“
  • „Ich muss erst alles zu 100 % verstehen, bevor ich handle.“

Diese Sätze wirken wie ein innerer Autopilot. Sie sind oft das Ergebnis früherer Erfahrungen oder vermeintlicher Erwartungshaltungen von außen. Die Frage ist nicht, ob Sie als Führungskraft solche Glaubenssätze verinnerlicht haben. Das ist sicherlich der Fall. Vielmehr geht es darum, ob Sie diese kennen und im Zweifel steuern können.

Eine sehr gute Möglichkeit, um sich als Führungskraft hier weiterzuentwickeln bietet Introvision Coaching. Mithilfe dieser Methode können Sie hinderliche und belastende Glaubenssätze erkennen, Blockaden auflösen und Ihren Führungsstil nachhaltig verändern (siehe auch Einladung zur Veränderung).

 

Reflexionsfragen: Finden Sie Ihren Takt

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle ein paar Fragen mit auf den Weg geben. Betrachten Sie diese als Einladung zur Selbstbegegnung. Am besten, Sie schreiben Ihre Antworten tatsächlich auf, dann können sie auch zeitverzögert ihre Wirkung entfalten.

  • „Wo bin ich in letzter Zeit zu schnell unterwegs gewesen?“
  • „Was war meine Absicht und was war die Wirkung?“
  • „Wo hätte mein Team mehr Orientierung oder Entscheidungskraft gebraucht?“
  • „Welche inneren Sätze treiben mich in stressigen Situationen?“
  • „Bringen sie mir einen Vorteil oder schränken sie mich ein?“
  • „Was spiegelt mir mein Umfeld über mein Tempo?“
  • „Wie entscheide ich, wann es Zeit ist zu beschleunigen und wann zu warten?“
  • „Fühle ich mich aktuell mehr getrieben oder führend?“

 

Handlungsempfehlungen: Justieren Sie Ihr Führungstempo

Ich habe viele Führungskräfte in meiner Funktion als Coach begleiten dürfen. Immer dann wenn es um Führen mit der richtigen Geschwindigkeit ging und geht, reduziere ich meine Empfehlungen zunächst auf einen Satz: Führung braucht einen bewussten Taktwechsel, je nach Situation, Team und Ziel. Wenn diese Erkenntnis verinnerlich ist, dann macht auch eine Verlangsamung des Tempos keine Mühe mehr. Denn häufig ist ein Schritt zurück kein Rückschritt, sondern der Anlauf für gezieltes, wirksames Vorangehen.

Hier ein paar Impulse für Ihre Praxis:

  • Machen Sie Ihr Tempo transparent – Sprechen Sie offen darüber, warum Sie gerade Druck machen oder bremsen. Und begründen Sie Entscheidungen.
  • Beobachten Sie, wie Ihr Tempo wirkt – Achten Sie dabei auf emotionale Signale (werden Ihre Mitarbeitenden schneller, angespannter, stiller, ernster, etc. ). Und nutzen Sie Team-Feedback als eine Art Seismograf.
  • Gestalten Sie Phasen statt Dauerläufe – Wechseln Sie dabei bewusst zwischen Vorangehen, Stabilisieren und Loslassen. Und benennen Sie die Phasen im Team, um Transparenz zu schaffen (z. B. als „Sprint“, „Übergang“, „Rückblick“).
  • Wählen Sie Resonanz statt Geschwindigkeit – Fragen Sie regelmäßig: „Seid ihr noch bei mir? Wie geht es euch damit? Was braucht ihr noch?“. Und stellen Sie nicht nur die Fragen, warten Sie auch darauf, dass die Leute wirklich mitgehen.
  • Überprüfen Sie Ihre inneren Treiber – Wenn Sie spüren, dass Sie „müssen“ – fragen Sie sich: „Wer sagt das eigentlich?“. Nicht jeder Druck ist objektiv und nicht jede Dringlichkeit ist echt.

 

Fazit: Führen im passenden Tempo benötigt Taktgefühl

Führung ist nicht die Kunst, allen einen Schritt voraus oder der Erste zu sein. Es ist die Fähigkeit, den richtigen Moment zu kennen, um voranzugehen. Und es ist die Kraft, im richtigen Moment zurückzutreten. Irgendwie klingt das nach den Worten eines Tanzlehrers. Finden Sie nicht? Das Bild ist auch passend, denn Sie können sicherlich vorstellen, was passiert, wenn ein Pärchen nicht im gleichen Rhythmus tanzt.

Im richtigen Tempo führen erfordert also Taktgefühl. Doch das ist nicht alles. Hinzu kommt die Bereitschaft, sein Gegenüber wahrzunehmen, auf Zeichen zu achten, diese in die eigene Führungsgeschwindigkeit mit aufzunehmen. Was dabei sicherlich hilft: Weniger reden und mehr Fragen stellen. Aber auch die Bereitschaft zur Selbstreflexion. Diese ist wiederum die Grundvoraussetzung für eine gute Selbstführung, womit wir wieder bei der Tanzsymbolik wären.

Es sind also die richtigen Fragen, die Ihnen den Weg zum passenden Führungstempo weisen können. Und natürlich auch Unterstützung von erfahrenen Menschen, die eine effiziente Begleitung wie Introvision-Coaching anbieten. Dies kann Ihnen sehr wirkungsvoll dabei helfen, alte Muster effizient aufzulösen und neue zu etablieren.

Wie immer freue ich mich auf Ihre Gedanken zum Thema und stehe Ihnen für Fragen gerne bereit. Sie können dabei selbst die Führung übernehmen. In der Geschwindigkeit, die Ihnen richtig erscheint. 😊